das KÄRNTEN AKTUELL 8 Das idyllische Dorf Maria Blut mit seiner Wallfahrtskapelle liegt ein paar Zugstunden vor Wien. Es sind die 1930er Jahre, Ständestaat und Bürgerkrieg, Dollfuß ist Bundeskanzler, und die Eingeborenen des „österreichischen Lourdes“ sind in Unruhe. Die Konservenfabrik schließt, der Chef Schellbach versucht, die Bevölkerung dazu zu bewegen, in sein neues Produkt, die Raumkraft, zu investieren. Viele geben ihr letztes Erspartes dafür. Als sich Schellbach während eines Volksfestes erschießt, entwickelt sich eine ungeheure Dynamik: Die angeblich Schuldigen sind schnell gefunden – und für die wird es brandgefährlich. Die Wiener Schriftstellerin Maria Lazar gehört zu den hellsichtigsten literarischen Stimmen ihrer Zeit. In kurzen, packenden und sprachlich brillanten Szenen entwirft sie herrlich schräge Figuren, die am Vorabend des Nationalsozialismus zwischen Marienkult, Wunderglauben, Verschwörungstheorien und Nationalismus aufgerieben werden, und macht – wie ihr Zeitgenosse Ödön von Horvath – die Ursprünge des Faschismus im Milieu der Zukurzgekommenen aus. Für die Regisseurin Martina Gredler ist dies die dritte Arbeit am Stadttheater. Ihre Blicke auf die Emigranten in Horvaths Figaro und die Ausgegrenzten in Sperrs Jagdszenen, erweitert sie nun um den Fokus auf die antisemitisch Attackierten in Maria Lazars fiktivem Provinzdorf. Der 19-jährige Sänger COSMÓ, mit bürgerlichem Namen Benjamin Gedeon, wird mit seinem Lied „Tanzschein“ – durchaus überraschend – Österreich beim ESC in Wien vertreten. Im Interview erklärt COSMÓ wie „weltoffen er tickt“, wie es „spontan“ zum „blauen Stern“ beim Live-Casting kam und was genau er mit dem Siegertitel „Tanzschein“ ausdrücken will. Was bedeutet es für dich, Österreich beim Song Contest zu vertreten? COSMÓ: Österreich beim Song Contest zu vertreten, war von mir immer schon ein großer, großer Traum, seit ich Conchita Wurst gesehen habe 2014, wie sie gewonnen hat. Ich habe das damals aus Lego gleich nachgebaut, weil ich so impressed war und dass das jetzt wirklich wahr geworden ist, ist für mich eine riesengroße Ehre, aber ich weiß auch, dass es eine große Verantwortung ist, und die möchte ich tragen und bin sehr motiviert. Wofür steht COSMÓ? COSMÓ: COSMÓ ist kurz für Cosmopolitan und bedeutet so viel wie weltoffen. Der Name ist so entstanden, also ich bin ja in Budapest geboren, meine Mama ist auch aus Budapest, mein Papa ist aus Deutschland, wir sind dann aber mit zwei Jahren nach Österreich gekommen und ich bin in Österreich aufgewachsen, im Burgenland, und Österreich ist eben mein Zuhause. Trotzdem habe ich Einflüsse aus drei verschiedenen Ländern, Deutschland, Österreich und Ungarn und so habe ich gedacht, wäre doch COSMÓ ein ganz passender Name und der Akzent auf dem zweiten O kommt von meinem ungarischen Namen Benjamin, da ist über dem A genauso ein Akzent und den wollte ich übernehmen – als ungarisches Überbleibsel sozusagen. Wofür steht der blaue Stern? COSMÓ: Der blaue Stern war eigentlich eine ziemlich spontane Idee kurz vor dem Livecasting. Ich habe gedacht, COSMÓ, das braucht noch so ein Ding. Dafür steht COSMÓ oder daran kann man COSMÓ erkennen. Und ich bin großer Fan von Universum und von Sternenbildern. Und da dachte ich, so ein Stern, das wäre doch ganz cool. Beim ESC sind einem halt keine Grenzen gesetzt. Da kann man fast alles machen, was man möchte und die EurovisionFamily findet es cool. Und deswegen dachte ich, Hey, dann male ich mir doch so einen blauen Stern über mein Gesicht. Und genau so ist dann der blaue Stern entstanden. Worum geht es in Tanzschein? COSMÓ: In Tanzschein geht es meine erste Experience in einem Club. Das war vor ein paar Jahren, da war ich mit Freunden das erste Mal in einem Club in Wien und ich hatte ziemlich hohe Erwartungen, weil meine Mama mir immer erzählt hat, wie extravagant die Leute gekleidet sind in Clubs und wie die alle abdancen und so, aber das war halt eben in den 90er-Jahren. Und als wir dann reingegangen sind, sah das Ganze ziemlich düster aus. Die Leute waren alle schwarz gekleidet und standen nur so steif da und waren mehr so auf Partnersuche. Und es wurde nicht getanzt und das fand ich super schade, weil ich tanzen liebe. Deswegen kam mir dann die Idee: „Ja, was wäre denn, wenn der Türsteuer wirklich nur die reinlässt, die in den Club gehen, um zu tanzen und die tanzen möchten. Und so entstand dann Tanzschein. Wofür stehen die Tiere? COSMÓ: In meiner Idealvorstellung ist die Tanzfläche ein Ort, an dem alle zusammenkommen und trotzdem jeder und jede für sich sein kann, ohne irgendwelche Zwänge oder Bewertung. Ich erzähle anhand der Tiere so einen metaphorischen Clubabend. Jedes Tier bringt eigene Erwartungen und Eigenschaften mit, aber an jedes Tier sind halt auch so Klischees geknüpft. Meine Idealvorstellung ist der Moment, in dem beim Tanzen alle Ängste und Vorbehalte überwunden werden, und eben alle zusammenkommen und gemeinsam tanzen. Und jeder und jeder tanzt und ist akzeptiert, so wie er oder sie ist. Einfach gemeinsam tanzen und Spaß haben. Die Tiere sind eben so Rollenbilder, die wir vielleicht längst schon hinter uns lassen sollten. Und das würde ich gerne einfach mit dem Tanzen ablegen. H. K. Cosmó vertritt Österreich beim Finale des ESC in Wien: Wird er gewinnen? Als bekennender Universum-Fan startet der 19-jährige Sänger mit seinem Lied „Tanzschein“ durch. Für den jungen Mann erfüllt sich ein„großer Traum“. Die Eingeborenen von Maria Blut Schauspiel nach dem Roman von Maria Lazar. Dramatisierung von Martina Gredler im Stadtheater Klagenfurt. Blicke auf die antisemitisch Attackierten. © Ellior Sopper Seit zwei Jahren bemüht man sich um eine neue Kunst- und Kulturstrategie für Kärnten. Man heißt: die Kulturabteilung des Landes Kärnten mit seinen mehr als 40 Mitarbeitern. Organisatorisch unterstützt wird die Aktion von der Münchner Agentur actori, die dafür den Betrag von etwa 500.000 Euro in Rechnung stellt. 24 Ziele wurden formuliert und 67 Maßnahmen. 1.400 Personen haben sich am Fact-finding beteiligt. Breit aufgestellt, könnte man sagen. Im Feber 2026 wurde der Entwurf präsentiert. Das Echo ist enden wollend. Kärntnerinnen und Kärntner wissen von nichts. Mitdenken Nicht Gerede, schon gar nicht Nachrede und in Szene setzen ist, was wir brauchen. Der Prozess des ergebnisoffenen Nachdenkens endet nicht nach der sechsten Sitzung und hat schon in diesem Stadium die Bevölkerung miteinzubeziehen. Er wird zum Teil der Kulturarbeit und belebt die ausgedachten Ergebnisse, sowie deren Umsetzung. Aber nicht einmal das eng besetzte Kulturgremium des Landes ist bis jetzt umfassend in den Werdegang des Projekts miteinbezogen. Worauf wartet man? – Oder anders gesagt: Wie viel Landtagsbeschluss braucht eine Kulturinitiative, um erfolgreich zu sein? Visionen werden Realität Die neue Strategie wird sich an die „Tätigen“ richten, also an jene, die sich in verschiedenen Kulturorganisationen bereits zu Wort oder zu Bild gemeldet haben. Alle anderen bleiben Konsumenten. Die Aktivisten werden den Masterplan für Kärnten umsetzen und schweigen noch, denn auch sie wissen nichts. Auch nicht wo sie selbst verortet sind. Eine vorzeitige Kritik am Großprojekt könnte ihnen überdies den Zugang zu den Fördertöpfen erschweren. Also, Ruhe bewahren. In Kärnten herrscht Schweigen über Plan und Umsetzung. Das mag der Neuausrichtung des gesamten Regierungsapparates geschuldet sein. Denn nicht sicher ist, ob es zukünftig eine eigene Kulturabteilung geben wird, oder nur eine Unterabteilung, was zu bedauern wäre. Es könnte einer klamm heimlichen Entwertung engagierter Kulturarbeit gleichkommen. Ein Blick über die Pack in die Steiermark lohnt sich in diesem Zusammenhang. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. Das mag aber auch auf die Unsicherheit zurückzuführen sein, die innerhalb der Kulturorganisationen herrscht und die Unfähigkeit einen regelmäßigen Austausch mit den „Konsumenten“ zu pflegen. Man nennt das wohl Szene. Jeder kämpft für sich. Wird die Umstellung oder Neuorientierung von Künstlerinnen, Künstlern und Intellektuellen zu stemmen sein? Wird sich die Landes-Kulturabteilung schlussendlich mit seinen nicht wenigen Mitarbeitern auf das Controlling zurückziehen und beobachten, ob sich die einzelnen Kulturorganisationen auch tatsächlich an die gefassten Beschlüsse halten? Oder wird die Aufgabe an die Agentur weitergegeben. Gegen Aufpreis? Jahr der Literatur Erst kürzlich wurde zum Jahr der Literatur 2026 eine Auftaktveranstaltung im Musil-Museum durchgeführt, welche die Anwesenden nicht wirklich informiert, geschweige denn motiviert wieder entließ. Nichts Genaues weiß man nicht, sagt ein obskures Sprichwort, das der Kärntner Situation nahe kommt. Auch das etwa 60 Personen umfassende Kärntner Kulturgremium tappt im Dunkeln. Was soll geschehen? Wir haben bereits März. Mut zur Transparenz. Das kann man sich nur wünschen. Günter Schmidauer Dr. Günter Schmidauer ist Essayist, Dramatiker, Lyriker und Romanautor. Er lebt in Klagenfurt und Wien. Alles auf Anfang – Eine kulturelle Neuorientierung Fotos © www.karlheinzfessl.com/agb Foto beigestellt
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